notizen für die history lesson "erziehung und klassenkampf"

Ein Vertreter der “Radical Pedagogy” Roger I. Simon spricht von der Erziehung als einem “Projekt der Möglichkeit”: “Eine Aktivität, die beiden Bedingungen angehört, den realen der Gegenwart und denen, die noch im Entstehen sind.” Ein Merkmal emanzipatorischer Erziehung könnte in diesem Sinne darin bestehen, dass sie nicht Selbstzweck ist, das sie sich nicht mit der Gegenwart und dem Bestehenden begnügt. Sie versteht sich in diesem Sinne als eine Praxis der Arbeit an einer anderen Möglichkeit. Diese Praxis ist jedoch weder utopistisch idealistisch noch messianisch abwartend. Sie besteht in der konkreten Etablierung von Gegen-Wissen und der Arbeit an einem Bewusstsein, das der Möglichkeit einer Befreiung aus Unterdrückungsverhältnissen dient.

Kommen wir noch einmal auf Edwin Hoernle zurück:
Das etwas ausführlichere Zitat lautet: Die Erziehung „ist so lange ausschließlich eine Funktion der herrschenden Klasse, als die Unterdrückten sich nicht zur Wehr setzen und im Zusammenhang mit ihrem Kampf um wirtschaftliche und politische Befreiung eine ihren Klasseninteressen entsprechende neue und revolutionäre Klassenerziehung hervorbringen. Der Kampf zweier Erziehungssysteme ist stets eine Begleiterscheinung des Kampfes zweier Klassen um die Macht.“ Edwin Hoernle 1929

Insofern es sich bei diesem Kampf um eine andere Erziehung um ein dialektisches Verhältnis handelt und das System der Erziehung zu einem zentralen Staatsapparat, zu einer Technik der Herrschaft geworden ist, sind die Strategien, die in diesem Zusammenhang entwickelt wurden, sehr unterschiedlich. Sie reichen von der Organisation alternativer Erziehungszusammenhänge bis zu Fragen nach der Möglichkeit einer Etablierung emanzipatorischer Erziehung innerhalb der bestehenden Strukturen. Paulo Freire fasst das Verhältnis der Arbeit in Anbetracht bestehender Herrschaftstechniken und politischer Befreiungsziele als eines, in dem es darum geht taktisch innerhalb und strategisch außerhalb des Systems zu arbeiten.
“Ich habe immer versucht zu denken und zu unterrichten, indem ich einen Fuß innerhalb des Systems hatte und einen außerhalb” (Paulo Freire)

6 Merkmale emanzipatorischer Erziehung

1. Es gibt keine neutrale Erziehung

Für die Entwicklung von erzieherischen Prozessen, die nicht auf eine Konsolidierung des Bestehenden zielen, sondern eine Vision entwickeln, was sein sollte und könnte gilt als eine wesentliche Voraussetzung, dass es keine neutrale, objektive Position in der Erziehung gibt: Entweder dient sie eben der Konsolidierung des Bestehenden, wird zum Instrument der Integration in die Logik des bestehenden Systems oder sie nimmt eine klare Gegenposition ein, zielt auf Befreiung und Veränderung und arbeitet an einer dahingehenden Praxis.

Das heisst: Emanzipatorische Erziehung bezieht Position.

2. Das pädagogische Verhältnis aufbrechen

Vor dem Hintergrund einer Perspektive auf eine andere Erziehung kann des erzieherische Verhältnis, das Verhältnis zwischen Lehrenden und Lernenden nicht unangetastet bleiben. In seinem Vortrag “der emanzipierte Betrachter” sowie in zahlreichen Texten und Interviews zu seinem Buch “Le maitre ignorant” über den Erziehunstheoretiker und Lehrer des 18. und frühen 19. Jahrhunderts Joseph Jacotot hat der französische Philosoph Jacques Ranciere sehr deutlich gezeigt, dass das pädagogische Verhältnis, wie es gemeinhin existiert, als Verhältnis der Lehrenden, die “Wissen” haben und der Lernenden, die “Wissen” erhalten sollen, ein grundlegend autoritäres und polizeiliches Verhältnis ist. Er stellt fest, dass bei dieser Form des Lernens nie nur Wissen, sondern immer auch Gehorsam gelernt wird. Um dieses grundlegende Verhältnis der Unterordnung zu überwinden, werden zahlreiche Konzepte des “lernenden Lehrens” und “lehrenden Lernens” entwickelt. Die Frage nach der Autorität der Lehrenden wird diskutiert. Antonio Gramsci spricht etwa von einem “Aktiven Verhältnis wechselseitiger Beziehungen” bei dem “jeder Lehrer immer auch Schüler und jeder Schüler Lehrer ist” (Gramsci H10/II, §44, 1335)

Dieses Merkmal ist notwendiger Teil emanzipatorischer Konzepte, aber nicht hinreichend um diese zu definieren. Denn in der bloßen Vermeidung gängiger Herrschaftstrukturen kann eine politische Perspektive sich nicht erschöpfen.

3. Die pädagogischen Inhalte
Etablierung von Gegen-Wissen und Lernen als Waffe im Prozess der Selbstermächtigung

Eine emanzipatorische Pädagogik besteht nicht nur in der Erneuerung der Methoden der Wissensweitergabe.
Ihr grundlegendes Problem besteht nicht in der Entwicklung leichterer und spielerischer Methoden zur Weitergabe von Informationen. Vielmehr geht es darum Machtverhältnisse zu thematisieren und im Hinblick auf diese Informationen zu geben und Kontexte sichtbar zu machen. Sie beschäftigt sich grundlegend mit den pädagogischen Inhalten, mit der Frage nach dem herrschenden Wissen und der Entwicklung alternativer Wissensproduktion. Wesentlich sind dabei die Fragen welche Informationen weitergegeben, welche Kontexte offen gelegt und welche Fragen aufgeworfen werden können, um Ein- und Ausschlussmechanismen und Unterdrückungs- und Machtverhältnisse in den Blick zu bekommen. Grundlegend ist diesbezüglich eine Auseinandersetzung damit welches Wissen als legitim gilt und warum das so ist.

a) Ver-lernen
In Anbetracht der Wirkungsmacht des bestehenden Wissenskanons tritt auch das Konzept des “Ver-lernens” in den Vordergrund. Das bestehende scheinbar objektive Wissen wird im Lernprozess einer kritischen Analyse unterzogen,. Dabei wird deutlich, dass es sich keineswegs um neutrales Wissen handelt. Die Arbeit an pädagogischen Inhalten besteht in diesem Sinn auch in einem aktiven Ver-lernen bestehender Selbstverständlichkeiten.

Dieser Prozess der Ver-lernens ist nicht auf die Lernenden beschränkt. In einer pädagogischen Situation, die das Verhältnis zwischen Lernenden und Lehrenden neu definiert steht auch und gerade das Wissen der Lehrenden auf dem Spiel und muss einer kritischen Analyse unterzogen werden. Bei diesem Prozess wird nicht nur vorhandenes Wissen kritisch angeeignet, sondern werden auch Wissensdiskurse und Herrschaftslogiken hinterfragt, Wissen wird überprüft und modifiziert. Das Wissen wird in diesem Sinne auch von den Lehrenden neu gelernt (Freire) und teilweise ver-lernt.

b) Erarbeitung eines Gegen-Wissens
Ein weiterer Aspekt der Beschäftigung mit den pädagogischen Inhalten besteht in der Auseinandersetzung, Erarbeitung und Etbalierung eines alternativen Wissens: Der Produktion eines Wissens der marginalisierten Positionen, das sich dem gängigen öffentlichen Diskurs und seinen scheinbaren Selbstverständlichkeiten entgegenstellt. Die afrikanisch-amerikanische Theoretikerin bell hooks spricht in diesem Zusammenhang von “Talking-Back”, Gayatri Spivak von “Zurückschreiben”

c) sachliche Information und kritische Aneignung statt freier Assoziation
Im Gegensatz zu individualistischen Erziehungskonzepten und –experimenten wird in der emanzipatorischen und radikalen Pädagogik die Methode der scheinbar freien Entfaltung durch Assoziation kritisch reflektiert. Insofern Wissen als Macht, Lernen als Waffe begriffen wird, geht es durchaus um Wissenserwerb und um eine kritische Aneignung bestehender Wissensformen. Die freie Entfaltung und Assoziation wird als Konstruktion entlarvt, bei der immer diejenigen bevorzugt werden, die bereits etwas wissen, die einen bestimmten Kanon mitbringen.
Die Bedeutung von sachlicher Information und die kritische Aneignung des vorhandenen Wissens werden daher etwa bei Gramsci wesentlich betont. Er plädiert für Sachlichkeit und Stringenz der Information, der Vermittlung von Fakten und Kontexten (im Gegensatz zu bloßer freier Assoziation und Diskussion). Gramsci geht es dabei um eine kritische Aneignung des vorhandenen Wissens, die dazu dient die etablierte Kultur kennen und meistern zu lernen, um sie umzuwälzen.

4. Bewusstsein über die eigene Lage

Ein wichtiger Teil einer Pädagogik, die Ökonomie, Politik und Erziehung zusammen denkt, ist die pädagogische Auseinandersetzung mit den Verhältnissen der Unterdrückung. Es geht dabei darum ein Bewusstsein über die eigen Lage im Kontext der gesellschaftlichen Verhältnisse, so etwas wie eine “Political Consciousness”, zunächst einmal zu entwickeln. Konkret heisst das ein Bewusstsein für die eigene Situation und Position im gesellschaftlichen Kontext zu erarbeiten, ein Bewusstsein dafür, dass die eigene Lage nicht schicksalhaft ist, sondern in Verbindung mit gesellschaftlichen und strukturellen Bedingungen steht. Oder wie Paulo Freire es fasst: “Soziale, politische und ökonomische Widersprüche zu empfinden um etwas gegen die unterdrückerischen Elemente der Realität zu unternehmen.”

Das heisst unter anderem auch sich damit auseinanderzusetzen, „wer“ aus „welcher Perspektive“ „was“ sieht, was dabei nicht in den Blick geraten kann und mit welchen gesellschaftlichen Vorstellungen, Macht- und SprecherInnenpositionen die Bilder, die Lernende ebenso wie Lehrende haben, in Verbindung stehen.
Die eigene Situation im Kontext gesellschaftlicher Zusammenhänge und Unterdrückungsmechanismen und im Hinblick auf eine Veränderung aufzuweisen, gehört in diesem Sinne zu den Grundprinzipien der emanzipatorischen Pädagogik.

5. Organisation
Im Sinn der Entwicklung eines Bewusstseins über die eigene Lage geht es auch um einen Ausbruch aus der Vereinzelung. In diesem Sinn spielt Organisation für emanzipatorische Erziehung und Politik immer eine wesentliche Rolle.

6. Die gesellschaftlichen Verhältnisse analysieren um sie zu verändern

Erst in Verbindung mit gesellschaftlichem Handeln, wird der pädagogische Prozess zur politischen Praxis
Die Pädagogik steht dabei an der Schnittstelle von Theorie und Praxis, von Aktion und Reflexion, von Analyse und verändernder Handlung. Eine Pädagogik als verändernde Praxis geht davon aus und kombiniert sie um, wie Paulo Freire es fasst, sowohl sinnlosem Aktivismus als auch leerer Theorie zu entgehen. Letztlich werden jedoch die politischen Verhältnisse nicht in der Erziehung, sondern auf der Straße radikal verändert.

Die Perspektive einer emanzipatorischen Pädagogik ist daher Politik und die Veränderung der Gesellschaft, die nicht in der Erziehung stattfinden wird, diese aber wiederum grundlegend verändern wird. Die Perspektive einer emanzipatorischen Erziehung liegt also gleichzeitig in ihr und außerhalb ihrer selbst.